20. Dezember 2018

Savannen-Theorie – Glücklich sein durch Wellness?

Selten waren Menschen materiell so abgesichert wie heute — und doch zieht sich ein diffuses Unbehagen durch die Wohlstandsgesellschaften: Stress, Erschöpfung, das Gefühl, ständig getrieben zu sein. Woran liegt das, wenn objektiv so vieles besser ist als je zuvor? Eine der elegantesten Erklärungen kommt aus der Evolutionspsychologie — und sie hat unmittelbar damit zu tun, warum Wellness für viele von der Wohltat zur Notwendigkeit geworden ist.

Savannen-Theorie, Glück & Wellness
Das menschliche Gehirn ist über Jahrhunderttausende für eine Welt geformt worden, die mit unserer wenig gemein hat. Bild: Marco Schmidt [CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons

Der Grundgedanke ist schnell erzählt: Über Hunderttausende von Jahren hat sich unser Gehirn an das Leben als Jäger und Sammler angepasst — an kleine, eng verbundene Gruppen, an viel Bewegung, an eine reizarme, natürliche Umwelt. Diese Prägung steckt bis heute in uns. Die Welt dagegen, in der wir aktuell leben — Millionenstädte, Großraumbüros, Bildschirme, permanente Erreichbarkeit —, ist evolutionär gesehen brandneu. Die Lücke zwischen beidem nennt die Forschung „evolutionäre Fehlanpassung" (evolutionary mismatch). Sie gilt als Mitverursacher vieler moderner Leiden, von chronischem Stress bis zur Einsamkeit.

Was die Savannen-Theorie wirklich sagt

Konkret wird das in der Savannen-Theorie des Glücks, einer 2016 im *British Journal of Psychology* veröffentlichten Studie von Norman P. Li und Satoshi Kanazawa — mit dem hübschen Titel „Country roads, take me home". Ausgewertet wurden die Daten von rund 15.000 jungen Erwachsenen. Zwei Befunde sind robust: Erstens sinkt die Lebenszufriedenheit mit steigender Bevölkerungsdichte — Stadtmenschen sind im Schnitt unzufriedener als Landbewohner. Zweitens gilt: Je häufiger jemand seine Freunde sieht, desto zufriedener ist er. Beides fügt sich ins Bild der Savanne, in der man in kleinen Gruppen und im beständigen Kontakt mit Vertrauten lebte.

Der eigentlich aufsehenerregende Befund ist aber ein dritter: Der Zusammenhang zwischen Freundschaftspflege und Glück fällt bei intelligenteren Menschen deutlich schwächer aus. Die Autoren deuten das so, dass intelligentere Personen sich leichter an evolutionäre Neuheiten anpassen — etwa daran, seltener unter Vertrauten zu sein — und ihr Wohlbefinden weniger davon abhängt. Das Ergebnis hat es bis in die Schlagzeilen geschafft („Kluge Menschen sind mit wenigen Freunden glücklicher"), gehört aber mit Vorsicht gelesen: Die Studie ist korrelativ, Intelligenz nur ein grober Indikator, und über die Deutung wird in der Fachwelt durchaus gestritten.

Die Dunbar-Zahl: 150 als Maß des Sozialen

Wie groß ist die Gruppe, in der wir uns von Natur aus zurechtfinden? Eine berühmte Schätzung stammt vom Anthropologen Robin Dunbar: rund 150. So viele stabile Beziehungen, vermutet er, kann ein Mensch kognitiv überblicken — eine Grenze, die mit der Größe unseres Neocortex zusammenhängen soll. Diese „magische Zahl" ist nicht mit der Savannen-Theorie identisch, ergänzt sie aber treffend, denn sie taucht erstaunlich konstant auf, wo Menschen sich selbst organisieren:

  • In modernen Jäger-Sammler-Gesellschaften zählt ein Dorf im Durchschnitt 148,4 Einwohner
  • Neolithische Dörfer in Mesopotamien lagen typischerweise bei 150 bis 200 Menschen
  • Amische Gemeinden umfassen im Mittel rund 113 Personen
  • Auch das durchschnittliche persönliche Netzwerk bewegt sich in dieser Größenordnung — zählen Sie ruhig einmal, mit wie vielen Menschen Sie wirklich regelmäßig zu tun haben

Daraus folgt nicht, dass mit der 151. Bekanntschaft die Kommunikation zusammenbricht. Wohl aber, dass es jenseits dieser Größe spürbar schwerer wird, den Überblick über Gefälligkeiten, Verpflichtungen und Vertrauen zu behalten. In der modernen Großstadt potenziert sich das: Wir sind dauernd von Tausenden Fremden umgeben, deren Absichten wir nicht kennen. In der Savanne kannte man jeden im Lager — diese Selbstverständlichkeit von Vertrautheit ist uns weitgehend abhandengekommen.

Ein Mismatch quer durchs Leben — nicht nur in der Stadt

Die Fehlanpassung beschränkt sich nicht auf die Wohnadresse. Sie durchzieht nahezu alle Bereiche des modernen Lebens: die sitzende Arbeit unter Kunstlicht statt Bewegung im Freien; die Reizflut aus Bildschirmen, die unsere Aufmerksamkeit pausenlos kapert; lockere digitale Kontakte, die enge, leibhaftige Bindungen nur unzureichend ersetzen; und eine wachsende Entfremdung von der Natur. Der Biologe Edward O. Wilson hat dafür den Begriff „Biophilie" geprägt: eine dem Menschen angeborene Hinwendung zum Lebendigen — zu Landschaft, Pflanzen, Tieren und Wasser.

Dass uns Natur tatsächlich guttut, ist gut belegt. Die Attention-Restoration-Theorie der Psychologen Rachel und Stephen Kaplan beschreibt, wie natürliche Umgebungen eine „sanfte Faszination" auslösen, die unsere überanstrengte, gerichtete Aufmerksamkeit erholen lässt — anders als der Bildschirm, der sie verbraucht. Messbar senkt der Aufenthalt in der Natur die Stressaktivierung und stärkt den Parasympathikus, jenen Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Regeneration zuständig ist. Der Körper kennt eben den Unterschied zwischen einem fensterlosen Büro und einem Waldrand.

Eine reizarme, grüne, ruhige Wellnesslandschaft
Reizarm, weit, grün und ruhig: Eine gute Wellnesslandschaft ähnelt nicht zufällig dem, was unser Gehirn als sichere, „gute" Umgebung liest.

Wo Wellness ins Spiel kommt

Hier schließt sich der Kreis — und zwar nicht über schönen Service, sondern über die Umgebung selbst. Ein gut gemachter Wellnessaufenthalt ist im Grunde ein bewusst gebautes Gegen-Environment zur überfordernden Moderne: geringe Dichte statt Gedränge, Natur statt Beton, Stille statt Lärm, Bewegung statt Schreibtisch, echte Begegnung statt Benachrichtigung. Genau deshalb stellt sich das Wohlgefühl oft schon nach wenigen Stunden ein — der Ort spricht eine Sprache, die unser Stresssystem sofort versteht. Eine Auszeit hebt die Fehlanpassung des Alltags nicht auf, aber sie korrigiert sie für eine Weile.

Ein Patentrezept fürs Glück ist das alles nicht — die Forschung ist korrelativ, und was den Einzelnen glücklich macht, bleibt höchst individuell. Doch die Richtung, in die Savannen-Theorie, Biophilie und Stressforschung gemeinsam weisen, ist bemerkenswert einhellig: weniger Dichte, mehr Natur, echte Verbindung, mehr Bewegung. Eine Auszeit in dieser Richtung ist keine romantische Rückkehr in die Steinzeit, sondern eine ziemlich kluge, zeitweise Korrektur. Und vielleicht, um den intelligenten Skeptiker aus der Studie zu bemühen, ist das Klügste ohnehin, ab und zu bewusst auszusteigen.

Quellen & zum Weiterlesen

Häufige Fragen

Was besagt die Savannen-Theorie des Glücks?

Die 2016 von Norman P. Li und Satoshi Kanazawa im British Journal of Psychology vorgestellte Theorie besagt, dass unsere Lebenszufriedenheit nicht nur von den heutigen Umständen abhängt, sondern auch davon, wie gut diese zu unserer evolutionären Prägung passen. Die Studie an rund 15.000 Erwachsenen fand: Höhere Bevölkerungsdichte senkt die Zufriedenheit, häufiger Kontakt zu Freunden hebt sie.

Stimmt es, dass intelligentere Menschen mit weniger Freunden glücklicher sind?

Das ist der meistzitierte — und am stärksten verkürzte — Befund der Studie. Tatsächlich fiel der positive Effekt häufiger Freundschaftstreffen bei intelligenteren Teilnehmern schwächer aus; sie scheinen mit selteneren Kontakten besser zurechtzukommen. Daraus „kluge Menschen brauchen keine Freunde" zu machen, geht aber zu weit: Die Daten sind korrelativ, und die Deutung ist in der Fachwelt umstritten.

Was ist die Dunbar-Zahl?

Eine vom Anthropologen Robin Dunbar geschätzte Obergrenze von rund 150 stabilen sozialen Beziehungen, die ein Mensch überblicken kann — vermutlich begrenzt durch die Kapazität unseres Gehirns. Sie ist nicht Teil der Savannen-Theorie, illustriert aber dieselbe Idee: Unser Sozialleben ist auf überschaubare Gruppen ausgelegt, nicht auf die anonyme Millionenstadt.

Was bedeutet evolutionäre Fehlanpassung (evolutionary mismatch)?

Der Begriff beschreibt die Lücke zwischen der Umwelt, an die wir uns über Jahrhunderttausende angepasst haben, und jener, in der wir heute leben. Sitzende Arbeit, Kunstlicht, Reizüberflutung, anonyme Dichte und Naturferne überfordern ein Gehirn, das für kleine Gruppen und eine natürliche Umgebung gemacht ist — mit Folgen von Dauerstress bis Einsamkeit.

Kann ein Wellnessaufenthalt dagegen wirklich helfen?

Kein Wundermittel, aber mehr als Wohlfühl-Folklore. Restaurative Umgebungen — Natur, Ruhe, geringe Dichte, echte Begegnung, Bewegung — senken nachweislich die Stressaktivierung und erholen die Aufmerksamkeit (Stichworte Biophilie und Attention-Restoration-Theorie). Ein guter Wellnessaufenthalt liefert genau diese Bedingungen in konzentrierter Form: eine zeitweise, evidenzgestützte Korrektur der Alltags-Fehlanpassung.